Kenia

29.11.2018 - 16:43

Im November war am Schiller-Gymnasium ein afrikanischer Deutschlehrer zu Gast. Innocent Ombetta kommt aus der Stadt Kisii in Kenia und nahm an einem...

Im November war am Schiller-Gymnasium ein afrikanischer Deutschlehrer zu Gast. Innocent Ombetta kommt aus der Stadt Kisii in Kenia und nahm an einem dreiwöchigen Programm vom Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz teil. Das Ziel dieses Programms ist es, dass die rund 300 TeilnehmerInnen aus aller Welt das deutsche Schulsystem besser kennen lernen, ihre Sprachfertigkeit verbessern, ihr landeskundliches Wissen vertiefen bzw. aktualisieren und einen Einblick in die Berufswelt, Lehrerausbildung, Schulwirklichkeit sowie den Alltag des Gastlandes ermöglichen. Zudem gibt der Aufenthalt den Gästen die Möglichkeit, ihr Heimatland vorzustellen sowie berufliche und private Kontakte zu knüpfen.

Kisii ist eine kenianische Großstadt. Sie liegt auf etwa 1.700 m Höhe über dem Meeresspiegel und befindet sich etwas südlich vom Äquator. Die Stadt liegt in der tropischen Klimazone, aber durch die Höhe sind die Temperaturen nicht zu hoch. Kisii ist nicht industriell geprägt und viele Menschen sind in der Landwirtschaft tätig. Unter anderem wird in der Gegend Kaffee und Tee angebaut. Wenn man bei Wikipedia nach bedeutenden Söhnen und Töchtern der Stadt Kisii stöbert, dann findet man mehrere Sprinter, Hürden- und Langstreckenläufer.

In und um Kisii leben vor allem Kenianer, die dem Stamm der Kisii angehören. Ihre traditionelle Sprache heißt ebenfalls Kisii. Die Begrüßung „Bwakire“ bedeutet beispielsweise „Guten Morgen“. „Bwairire“ bedeutet hingegen Guten Abend und „Obotuko Obuya“ sagt man vor dem Einschlafen. Wenn man sich bedanken will, dann sagen die Kisii „Mbuya mono“. Wenn sich Kenianer aus verschiedenen Landesteilen treffen, dann kommunizieren sie allerdings in der Regel auf Swahili bzw. Kisuaheli oder Englisch. Dies führt natürlich dazu, dass Sprachen wie Kisii bedroht sind.

Für die Lehrkräfte und SchülerInnen am Schiller-Gymnasium war es sehr spannend, Einblicke in den kenianischen Schulalltag zu bekommen. Herr Ombetta unterrichtet an einer sogenannten Nationalschule, zu der Schüler aus dem ganzen Land gehen. Schüler aus anderen Ländern gibt es nicht und Herr Ombetta war überrascht, wie multikulti das Schiller ist. Die etwa 2.000 Jungen an seiner Schule wohnen auch dort, denn die Kisii School ist ein Internat. Es wird von Jugendlichen, die zu ganz unterschiedlichen Stämmen gehören besucht. Die Stammeszugehörigkeit (Tribalismus) spielt auch im heutigen Kenia eine Rolle und es kommt immer wieder zu Konflikten. Eine Idee der Nationalschule ist es, dass die Schüler sich kennen- und schätzen lernen, um so das Verhältnis zwischen den zahlreichen Stämmen zu verbessern und zukünftige Probleme zu vermeiden. 

Die Kisii School ist ein Gymnasium. Kenianische Gymnasien beginnen allerdings – anders als in Niedersachsen - nach der achtjährigen Grundschule und enden nach der 12. Klasse. Alternativ können SchülerInnen auch auf eine weiterführende Schule gehen, die weniger akademisch ausgerichtet ist. Der Schulbesuch in Kenia ist seit einigen Jahren kostenlos, aber für die Verpflegung und die Unterkunft in einem Internat müssen die Eltern aufkommen. Insgesamt ist Bildung in Kenia für viele SchülerInnen nach wie vor ein Privileg. 

Die Jungen von Herrn Ombetta tragen, anders als unsere Kinder, eine Schuluniform mit Krawatte und bereits vor Beginn des eigentlichen Unterrichts drücken die Schüler die Schulbank, denn sie müssen Hausaufgaben erledigen und üben. Nach dem Unterricht am späten Nachmittag ist, wie in Deutschland, Zeit für Sport und Arbeitsgemeinschaften, und nach dem Abendessen werden noch einmal Hausaufgaben erledigt und es wird wieder geübt. Die Schüler der Kisii School sind fleißig und sehr höflich, und Herr Ombetta musste leider anmerken, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler in diesen beiden Punkten nicht ganz so gut abschneiden. 

Die kenianischen Schüler arbeiten hart, denn der Abschluss einer Nationalschule öffnet viele Türen. Die Unterrichtssprache in Kenia ist Englisch, aber viele Kenianer sprechen zudem Swaheli und eine andere Stammessprache, wie z.B. Kisii. Da Deutsch in Kenia kein Pflichtfach ist, sind die Deutschklassen kleiner als andere Klassen. In der Regel sind etwa 60 Kinder in einer Klasse, aber Herr Ombetta muss deutlich weniger Schüler unterrichten. Der afrikanische Gast hat festgestellt, dass die Klassenräume seiner Schule denen in Deutschland ähneln, allerdings ist nicht in jedem Raum die technische Ausstattung gegeben. Und die kenianischen Schüler haben alle einen Einzeltisch, um sich besser auf das Lernen konzentrieren zu können.   

Normalerweise bleiben die Schüler von Herrn Ombetta während eines Trimesters in der Schule, aber die Eltern können ihre Kinder an den Besuchstagen sehen. An den Wochenenden werden oft Ausflüge unternommen und die Schüler erkunden ihr Land. Insgesamt haben die kenianischen Schüler vier Monate Ferien.

Herr Ombetta hat Deutsch seinerzeit an der Schule gelernt und sich anschließend für ein Studium in Nairobi eingeschrieben. Die Anzahl der kenianischen Deutschlehrer ist mit ca. 200 einigermaßen überschaubar, und sie sind fast alle Mitglieder einer WhatsApp Gruppe! 

Deutschkenntnisse sind zum Beispiel für die SchülerInnen, die später im Tourismus arbeiten wollen, hilfreich. Aufgrund seiner landschaftlichen Vielfalt und mannigfaltigen Flora und Fauna ist Kenia eines der beliebtesten Reiseziele in Afrika. Und das nicht ohne Grund: Es gibt z.B. Schutzräume für bedrohte Tierarten und Großwild, Halbwüsten, Trockensavannen und tropischen Regenwald, Vulkane, Binnenseen und schneebedeckte Berge wie den Mount Kenya sowie tropische Traumstrände an der Küste zum Indischen Ozean, die zu den schönsten der Welt gezählt werden. 

Die Deutschlehrer werden, wie überall auf der Welt, vom Goethe-Institut unterstützt. Es fördert die Kenntnis der deutsche Sprache und pflegt die internationale kulturelle Zusammenarbeit. Die DeutschlehrerInnen in Kenia arbeiten in der Regel mit Deutschbüchern, die vor Ort geschrieben worden sind, denn ein Schulbuch aus Deutschland wäre aufgrund der völlig unterschiedlichen Lebenssituation nicht immer sinnvoll. Trotz des kenianischen Deutschbuches ist es natürlich hilfreich, dass Herr Ombetta sich vor Ort mit Deutschland und der deutschen Sprache auseinandersetzte, denn schließlich ist „Deutschunterricht mehr als nur Sprache“.    

Um Herrn Ombetta ein möglichst umfassendes Bild vom deutschen Bildungswesen zu ermöglichen, hospitierte er in den drei Wochen am Schiller-Gymnasium in verschiedenen Deutsch- und Englischklassen. Aber auch die AG „Courage“ und die Profilkurse „African Safari“ standen auf seinem Stundenplan. Zudem besuchte er für jeweils einen Tag die Papenschule und die HLA und nahm – zusammen mit einer Gruppe von Englischreferendaren - an einer Sitzung im Studienseminar teil. Die Elisabeth-Selbert-Schule, die auch einen Gastlehrer hatte, hat ihn zur Kreisjugendmeisterschaft im Gastgewerbe eingeladen und er wurde toll bekocht. Die IGS Hameln hat er kurz vor dem Abflug auch noch besucht.

Den Alltag in Deutschland lernte Herr Ombetta vor allem in seiner Gastfamilie kennen. Kurz nach seiner Ankunft besuchte er z.B. in der Marktkirche das Konzert „Psalmen“ der Hamelner Kantorei und der Nordwestdeutschen Philharmonie. Die Musik hat ihn sehr beeindruckt und unterscheidet sich deutlich von der Musik in seiner Heimat. Ein Wochenende verbrachte er – dick eingepackt - auf der Nordseeinsel Wangerooge. Ein Ausflug nach Hannover stand natürlich auch auf dem Programm. An seinem Geburtstag bekam Herr Ombetta mehrere Geburtstagsständchen, einen Kuchen und kleine Geschenke, was für ihn etwas Besonderes war, denn Erwachsene in Kenia „feiern ihre Geburtstage eigentlich nicht“. 

In vielen Dingen unterscheidet sich Deutschland sehr stark von Kenia und Herr Ombetta ist z.B. vom gut organisierten Straßenverkehr in Deutschland ganz begeistert. In Kenia herrscht auf den Straßen oft großes Chaos. Über die vielen Regeln in verschiedenen Lebensbereichen muss er allerdings auch schmunzeln, denn in Kenia ist das Leben oftmals spontaner und kreativer. 

Wenn im Januar die Schule in Kenia wiederbeginnt – es sind zur Zeit Ferien – dann können sich die Jungen an der Kisii School über ihren Deutschlehrer, der mit vielen Ideen und Eindrücken aus Hameln zurück ist, freuen. Und Herr Ombetta hat auch einige Email Adressen von deutschen SchülerInnen im Gepäck, die gerne einen kenianischen Brieffreund hätten, so dass der Kontakt zwischen dem Schiller-Gymnasium und der Kisii School auch nach dem Aufenthalt auf verschiedenen Ebenen bestehen bleibt. (kg)